„Wir arbeiten mit der Geschwindigkeit der Innovation – Bürokratie leider nicht“

Interview mit Michael W. Nimtsch, CEO & Geschäftsführer der Trailer Dynamics GmbH

Elektrischer Anhänger von Trailer Dynamics GmbH
Elektrischer Anhänger von Trailer Dynamics GmbH

Die Logistikbranche steht unter Druck: steigende Kosten, CO2-Ziele und ein wachsender Mangel an Fahrern. Doch Michael W. Nimtsch glaubt fest an einen pragmatischen Weg nach vorne. Mit Trailer Dynamics entwickelt sein Team elektrische Anhänger, die darauf ausgelegt sind, bestehende Lkw-Flotten deutlich effizienter zu machen. In diesem Interview spricht er über Pioniergeist, deutsche Regulierung und warum Innovationen oft weniger an der Technologie scheitern und mehr an der Bürokratie.

European Business: Herr Nimtsch, Trailer Dynamics gilt als Pionier auf dem Gebiet der elektrifizierten Anhänger. Wie hat die Geschichte begonnen?

Michael W. Nimtsch: Die ursprüngliche Idee kam von meinem Mitgründer Abdullah Jaber, der das technische Gehirn hinter der Firma ist. Ich selbst komme eher aus der kaufmännischen Seite. Ich war viele Jahre als Vorstandsmitglied internationaler Unternehmen tätig, bevor ich Investor bei Start-ups wurde. Im Jahr 2018 haben wir in Aachen mit nur drei Mitarbeitern angefangen. Damals war es wirklich mehr eine Vision als ein Unternehmen, das aus einem winzigen Einraumbüro heraus operierte.

European Business: Heute beschäftigen Sie 85 Mitarbeiter und haben bereits Fahrzeuge im Einsatz. Was war der Wendepunkt?

Michael W. Nimtsch: Der entscheidende Moment kam, als wir erkannten, dass die Technologie funktionierte, aber die Entwicklung erhebliche finanzielle Mittel erforderte. Deshalb haben wir früh nach einem strategischen Investor gesucht und in Krone genau den richtigen Partner gefunden. Das war ein wichtiger Meilenstein für uns. Danach ging alles schnell: Digitale Zwillinge, die ersten funktionsfähigen Modelle, Teststrecken, Prototypen und schließlich die Homologation in 2 Jahren. Der E-Trailer existierte aus regulatorischer Sicht einfach nicht. Wir mussten zuerst einen rechtlichen Rahmen dafür schaffen.

Michael W. Nimtsch, CEO & Geschäftsführer der Trailer Dynamics GmbH
Michael W. Nimtsch, CEO & Geschäftsführer der Trailer Dynamics GmbH

European Business: Was macht den E-Trailer so besonders?

Michael W. Nimtsch: Einfach ausgedrückt, wir haben den elektrischen Antriebsstrang in den Anhänger selbst verlegt. Traditionell war ein Anhänger im Grunde nur eine Stahlkonstruktion, die gezogen wurde. Unser System fügt eine Batterie, eine elektrifizierte Achse und eine intelligente Antriebssteuerung hinzu. Dies ermöglicht es dem Anhänger, den LKW-Traktor aktiv zu unterstützen. Dadurch kann der Dieselverbrauch im Durchschnitt um etwa 40% gesenkt werden. Das führt natürlich auch zu einer erheblichen Reduzierung der CO2-Emissionen.

European Business: Und was ist mit Elektro-LKWs?

eTrailer Komponenten

Michael W. Nimtsch: In diesem Fall liegt der Schwerpunkt auf der Reichweitenverlängerung. Heute können viele Elektro-Sattelzugmaschinen etwa 400 bis 500 km zurücklegen. Mit unserem System können sie 800 bis 900 km erreichen. Das reduziert die Ladehalte und verbessert die Effizienz dramatisch. Und Effizienz ist genau das, worum es in der modernen Logistik geht.

European Business: Sie sprechen oft von technologischer Offenheit. Gleichzeitig kritisieren Sie politische Prozesse ganz offen.

Michael W. Nimtsch: Ja, denn wir sehen dort einen Widerspruch. Politiker sprechen ständig von Dekarbonisierung. Aber wenn es darum geht, konkrete Technologien zu unterstützen, wird es plötzlich kompliziert. Ein gutes Beispiel ist die Mautregelung. Elektro-Sattelzugmaschinen sind von der Maut befreit. Unser E-Trailer reduziert ebenfalls massiv die CO2-Emissionen und den Kraftstoffverbrauch, wird jedoch nicht entsprechend behandelt. Viele Kunden können das einfach nicht verstehen.

European Business: Das klingt frustrierend.

Michael W. Nimtsch: In mancher Hinsicht ist es das. Heute entwickeln wir Technologie in einem Tempo, mit dem die Regulierungen nicht mehr mithalten können. Künstliche Intelligenz ist ein perfektes Beispiel. Unsere Softwareentwickler arbeiten bereits selbstverständlich mit KI. Prozesse, die früher Tage dauerten, können jetzt in Minuten abgeschlossen werden. Unterdessen dauern regulatorische Entscheidungen immer noch Jahre. Irgendwann passen diese beiden Realitäten nicht mehr zusammen.

European Business: Wo sehen Sie Trailer Dynamics in den kommenden Jahren?

Anhänger

Michael W. Nimtsch: Wir stehen noch ganz am Anfang. Derzeit sind bereits 33 Fahrzeuge in echten Logistikumgebungen im Einsatz. Bis Ende 2027 oder Anfang 2028 planen wir, in die Serienproduktion zu gehen. Unsere Vision ist sehr klar: In Zukunft werden Anhänger und Zugmaschinen zunehmend als ein integriertes System betrachtet. Der Anhänger selbst wird eine weit wichtigere Rolle spielen, als er es heute tut. Genau daran arbeiten wir.

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Manfred Brinkmann, Managing Editor-in-Chief

Manfred Brinkmann

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