Wenn leise Leistung zum globalen Standard wird

Interview mit Christoph Boog, Geschäftsführer

eaZI®flex VITROX-Scharniere: Ein genauer Blick auf die Scharnierlösung von Zimmer für sanftes, kontrolliertes Schließen
eaZI®flex VITROX-Scharniere: Ein genauer Blick auf die Scharnierlösung von Zimmer für sanftes, kontrolliertes Schließen

SOFT CLOSE ist bei Möbeln und Haushaltsgeräten so verbreitet geworden, dass viele Verbraucher es kaum bemerken – bis es fehlt. Für die Zimmer GmbH Dämpfungssysteme in Rheinau, Süddeutschland, hat dieser Übergang von einer Premium-Zusatzoption zum Marktstandard eine ganze Wachstumsgeschichte definiert: schnelles Skalieren, starke internationale Nachfrage und in jüngerer Zeit eine strategische Transformation. Geschäftsführer Christoph Boog erklärt, wie Zimmer die Massenproduktion durch interne Automatisierung gemeistert hat.

European Business: Herr Boog, wie hat das Geschäft mit Dämpfungssystemen bei Zimmer begonnen?

Christoph Boog: Ich kam 1999 als Entwicklungsingenieur zu dem Konzern und arbeitete ursprünglich an industriellen Stoßdämpfern für den Maschinenbau. Sehr früh sahen wir die Nachfrage nach viel kleineren und kostengünstigeren Dämpfern – doch hatten wir noch keine Verbindung zur Möbelbeschlagsindustrie. Durch eine Zusammenarbeit mit einem österreichischen Global Player entstand die Idee, Dämpfung in Schubladensysteme zu integrieren. Es begann als 'nur ein weiteres Kundenprojekt', entwickelte sich aber schnell zu etwas Größerem: Im ersten Jahr lieferten wir mehr als eine Million Dämpfer. Das bedeutete, dass wir gleichzeitig Entwicklung und Produktion skalieren mussten – von der Kleinserienfertigung zu Monatsvolumen von 100.000 Einheiten. Was als vielversprechendes Projekt begann, entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte. Schritt für Schritt erweiterte das Unternehmen seine Fähigkeiten und stieß kontinuierlich technologische und fertigungsbezogene Grenzen vor. Heute können unsere hochmodernen, stark automatisierten Produktionsanlagen mehr als 120 Millionen Einheiten pro Jahr herstellen – ein Umfang, der einst unvorstellbar schien.

Christoph Boog, Geschäftsführer
Christoph Boog, Geschäftsführer
Roboterunterstützung und Prozesssteuerung fördern die Produktion von Dämpfern in großen Stückzahlen mit engen Toleranzen und stabiler Qualität
Roboterunterstützung und Prozesssteuerung fördern die Produktion von Dämpfern in großen Stückzahlen mit engen Toleranzen und stabiler Qualität

European Business: Wann wurde es ein eigenständiges Unternehmen?

Christoph Boog: Um 2001/2002 wurde klar, dass dies eine Vollzeitmission war. Zusammen mit den Aktionären, Martin und Günther Zimmer, entschieden wir, dass eine Aufteilung der Ressourcen zwischen den Abteilungen nicht funktionieren würde. Im April 2004 gründeten wir die Zimmer GmbH Dämpfungssysteme und konzentrierten uns vollständig auf Dämpfungslösungen für die Möbelindustrie – damals hauptsächlich Küchen. Die Nachfrage war extrem hoch; in den ersten Jahren wuchs das Volumen jährlich um mindestens 100%. Ein solcher senkrechter Start ist selten.

European Business: Automatisierung scheint zentral für Ihr Modell zu sein. Was macht Zimmers Ansatz besonders?

Christoph Boog: Zimmer als Gruppe ist mit der Automatisierung gewachsen und ist seit mehr als 45 Jahren am Markt. Das prägte unseren Ehrgeiz: Wir bauen unsere Produktionssysteme selbst. Allein in meinem Team konzentrieren sich etwa zehn Kollegen ausschließlich auf Automatisierung, und wir entwickeln und bauen unsere Maschinen intern. Das ist ein Grund, warum wir die Produktion lokal halten können und dennoch wettbewerbsfähig bleiben – Automatisierung reduziert manuellen Aufwand und hilft, Arbeitskostenunterschiede auszugleichen.

European Business: Wie sieht diese strategische Neuausrichtung aus?

Christoph Boog: Wir nähern uns dem Endprodukt an – ohne zu versuchen, in überfüllten Segmenten zu konkurrieren. Zum Beispiel werden wir nicht erneut in standardmäßige Küchenschubladensysteme einsteigen, und wir gehen nicht in herkömmliche Möbelscharniere, wo der Markt bereits ausgezeichnete, hochvolumige Lösungen bietet. Stattdessen konzentrieren wir uns auf Bereiche, in denen Leistung, Integration und Anpassung wichtig sind – wie bei Schiebetürsystemen. Wir haben unsere eigene Beschlag entwickelt und werden sie weiter ausbauen. Wir betreten auch gezielt den Scharniermarkt – beginnend mit ‘Objektscharnieren’ für Bürotüren und Industriegebäude, wo starke Soft-Close-Lösungen noch begrenzt sind.

European Business: Wo sehen Sie Ihren Wettbewerbsvorteil in diesen Nischen?

eaZI®soft NANO Dämpfergröße: Ultrakompaktes Design
eaZI®soft NANO Dämpfergröße: Ultrakompaktes Design

Christoph Boog: Wir bieten alles aus einer Hand: SOFT CLOSE funktioniert niemals isoliert – es muss zur Beschlag passen. Es gibt keinen universellen Standardbeschlag, daher müssen Produkte auf die Nachfrage der Kunden abgestimmt und optimiert werden. Ein weiterer Vorteil ist Flexibilität: Da wir unsere eigene Ausrüstung herstellen, können wir die Produktion so konfigurieren, dass sie kundenspezifische Lösungen wirtschaftlich liefert – auch in ‘kleinen’ industriellen Mengen wie 10.000 Einheiten. Viele Wettbewerber können die Mechanik neu gestalten, haben dann aber Schwierigkeiten, genau abgestimmte Dämpfer in dieser Größenordnung zu beschaffen. In Asien könnten Lieferanten reagieren, wenn Sie zwei Millionen Einheiten bestellen – aber für 10.000 plus Ingenieurunterstützung und Feinabstimmung ist es eine andere Geschichte. Geschwindigkeit ist ebenfalls wichtig: Unsere Hauptkonkurrenz befindet sich in Asien, und sie sind schnell – also müssen wir auch schnell sein.

European Business: Welche Themen sind für die Zukunft von Zimmer am wichtigsten, abgesehen von Produkten?

Christoph Boog: Nachhaltigkeit ist schon lange relevant – besonders weil unsere Kunden nahe an den Endverbrauchern sind und Beweise erwarten, nicht nur Aussagen. Wir arbeiten an messbaren Ansätzen, und unsere Aktivitäten werden durch externe Bewertungen wie EcoVadis unterstützt. Unsere Produktion läuft bereits mit 100% CO2-neutralem Strom, der größtenteils durch unsere eigenen Photovoltaikanlagen erzeugt wird - das heißt, ein bedeutender Anteil der von uns genutzten Energie wird direkt auf unseren Dächern produziert. Gleichzeitig transformieren wir unsere Mobilität: Der größte Teil unserer Flotte wurde auf Elektrofahrzeuge umgestellt, mit einem klaren und ehrgeizigen Ziel, 100% Elektrifizierung zu erreichen. Neben diesen sichtbaren Meilensteinen treiben viele kleinere, sorgfältig überlegte Maßnahmen uns kontinuierlich dazu, unseren ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Digitalisierung und KI sind ein weiterer Langzeitschwerpunkt: Durch deren Nutzung optimieren und beschleunigen wir Prozesse, was unseren Teams ermöglicht, mehr Zeit für technische Innovationen und kundenorientierte Lösungen zu widmen. Dabei schaffen wir die Grundlage für ein Unternehmen, das langfristig robust, agil und nachhaltig erfolgreich bleibt. Und schließlich ist die Kultur wichtig. Zimmer ist eine familiengeführte Gruppe, in der persönliche Verantwortung, Offenheit und Transparenz im Zentrum unserer Kultur stehen. Die nächste Generation ist bereits involviert und bringt frische Ideen und neue Perspektiven ein. 

Weitere Artikel zum Thema

Vom Artefakt zum Datenpunkt

Interview mit Kristina Leipold, CEO der Picturae Holding B.V.

Vom Artefakt zum Datenpunkt

Weltweit lagern Millionen wertvoller Sammlungsobjekte in Archiven und Museen – als Zeugnisse von Natur, Kultur und Wissenschaft...

Ein gut sortiertes Unternehmen

Interview mit Vincent Sonneville, Area Sales Manager der Optimum Sorting NV

Ein gut sortiertes Unternehmen

Bei Optimum Sorting trennt sich die Spreu vom Weizen: Denn der belgische Sortiermaschinenhersteller will mit seinen Anlagen...

Lösungen, die Werte schaffen

Interview mit Johannes Pfluger, Geschäftsführer der Prima Power GmbH

Lösungen, die Werte schaffen

In Zeiten wachsender technologischer Komplexität und volatiler Märkte hängt der industrielle Erfolg zunehmend von der Fähigkeit ab, über Produkte hinauszugehen und integrierte Lösungen anzubieten.

Konstruktion von Großrohren für eine sich wandelnde Energielandschaft

Interview mit Carsten Schmickler, Geschäftsführer der EUROPIPE GmbH

Konstruktion von Großrohren für eine sich wandelnde Energielandschaft

Die Energieinfrastruktur durchläuft einen tiefgreifenden Wandel – und damit auch das globale Pipelinegeschäft.

Manfred Brinkmann, Managing Editor-in-Chief

Manfred Brinkmann

Managing Editor of European Business

Gestalten Sie die Zukunft der Wirtschaft?

Als Chefredakteur bin ich stets auf der Suche nach der nächsten Generation von Führungskräften und Innovatoren. Wenn Sie an der Spitze eines einflussreichen Unternehmens stehen, lade ich Sie ein, mit uns in Kontakt zu treten. Teilen Sie Ihre Vision mit unserem einflussreichen Publikum.