Einzelhandel für Kopfbedeckungen: Lokale Präsenz als globale Strategie
Interview mit Jérôme Louis, Geschäftsführer der ANTHEC GmbH & Co. KG
In einer zunehmend digitalen Einzelhandelslandschaft sind Sichtbarkeit, Vertrauen und lokale Relevanz entscheidende Wettbewerbsfaktoren geworden. Die ANTHEC GmbH & Co. KG hat sich frühzeitig an dieser Schnittstelle positioniert – mit einer starken E-Commerce-Grundlage und einer klaren Lokalisierungsstrategie, physischer Einzelhandelspräsenz und dem gezielten Einsatz von künstlicher Intelligenz. Geschäftsführer Jérôme Louis erklärt, wie das Unternehmen international gewachsen ist, warum Sichtbarkeit in mehreren Shops und Kundennähe wichtig sind, und wie Menschen, Technologie und Fachwissen die langfristige Vision von ANTHEC prägen.
Wirtschaftsforum: Herr Louis, wie hat sich das Unternehmen seit seiner Gründung entwickelt?
Jérôme Louis: Gegründet im Jahr 2001, begann Anthec als reines E-Commerce-Unternehmen, was zu dieser Zeit in unserer Branche ungewöhnlich war. Viele Jahre lang konzentrierten sich unsere Aktivitäten auf Deutschland und die deutschsprachigen Märkte Österreich, Schweiz und die Niederlande. Als ich 2012 in das Unternehmen eintrat, haben wir einen klaren strategischen Kurs in Richtung Internationalisierung eingeschlagen. Von Anfang an war es unser Ziel, nicht nur Produkte ins Ausland zu versenden, sondern unser Geschäftsmodell so zu gestalten, dass es lokal in jedem Markt repliziert werden konnte. Elemente wie lokale Rücksendestrukturen, Zahlungssysteme und Logistikpartner waren anfangs operationelle Überlegungen, wurden jedoch bald zu Mahnungen, dass internationales Wachstum auf lokaler Relevanz aufgebaut sein muss.
Wirtschaftsforum: Wie wichtig ist die lokale Präsenz für Ihren internationalen Erfolg?
Jérôme Louis: In der Praxis hat sich dieser Ansatz als entscheidender Erfolgsfaktor erwiesen. Im internationalen E-Commerce ist es entscheidend, Komplexität und Unsicherheit zu reduzieren, um die Konversion und langfristige Kundenbeziehungen zu verbessern. Indem wir lokalen Kundenservice, Kommunikation in der Muttersprache und vertraute Handelsrahmen anbieten, senken wir aktiv die Kaufbarrieren. Dies ermöglicht es uns, unser Modell effizient über Grenzen hinweg zu skalieren und war ein Schlüsselfaktor für unser Wachstum in ganz Europa und neuerdings auch auf Überseemärkten wie den Vereinigten Staaten.
Wirtschaftsforum: Heute kombiniert ANTHEC E-Commerce mit physischem Einzelhandel. Wie ist das Unternehmen derzeit positioniert?
Jérôme Louis: Derzeit beschäftigen wir rund 140 Mitarbeiter. In Deutschland betreiben wir neun Ladengeschäfte, ergänzt durch einen Laden in Paris und eine Präsenz in New York. Die Kombination aus Online- und Offline-Geschäft gibt uns Stabilität. Während der Pandemie hat starkes E-Commerce-Wachstum den vorübergehenden Ladenschließungen entgegengewirkt. Heute fungieren physische Geschäfte als lokale Markenanker, die die Online-Performance durch erhöhte Sichtbarkeit, Vertrauen und regionale Präsenz stärken.
Wirtschaftsforum: Digitalisierung und künstliche Intelligenz gewinnen zunehmend an Bedeutung. Wie setzen Sie KI innerhalb des Unternehmens ein?
Jérôme Louis: Wir glauben, dass KI Menschen nicht ersetzen wird, aber Menschen, die nicht mit KI arbeiten, werden ersetzt werden. KI unterstützt bereits unsere Teams in der Kundenkommunikation, Texterstellung und Bildverarbeitung. Eine Schlüsselinnovation ist unser auf KI basierendes virtuelles Anprobieren, das derzeit in Österreich getestet wird, eine intern entwickelte hochwertige Lösung, die es Kunden ermöglicht, mithilfe eines Fotos oder einer Webcam zu sehen, wie ein Hut an ihnen aussieht. Über die klassische Suche hinaus sehen wir auch einen zunehmenden Verkehr aus KI-basierten Suchumgebungen, was die Bedeutung der digitalen Sichtbarkeit weiter erhöht.
Wirtschaftsforum: Marketing und Sichtbarkeit sind entscheidend im E-Commerce. Welche Rolle spielt Ihre Multi-Shop-Strategie in diesem Kontext?
Jérôme Louis: Sichtbarkeit ist ein entscheidender Faktor im digitalen Handel. Wir betreiben bewusst mehrere Online-Shops pro Markt, einschließlich allgemeiner und markenspezifischer Plattformen. Dies stärkt unsere Sichtbarkeit in Suchmaschinen, sowohl organisch als auch über Google Ads, und ermöglicht es uns, verschiedene Zielgruppen mit maßgeschneiderten Sortimenten und Budgets anzusprechen. In einigen Fällen bedeutet dies, gleichzeitig mehrere Top-Suchpositionen zu besetzen. Neben der klassischen Suche sehen wir auch zunehmend Traffic aus auf KI-basierten Suchumgebungen. Zusätzlich verkaufen wir über Marktplätze wie Amazon, Zalando und Otto, während wir unsere Positionierung als Spezialisten beibehalten.
Wirtschaftsforum: Wie lautet Ihre Vision für die Zukunft von Anthec und was motiviert Sie persönlich?
Jérôme Louis: Unsere Vision ist es, ein Synonym für hochwertige Kopfbedeckungen zu werden, nicht nur in Deutschland, sondern international. Wir wollen nicht nur als Händler gesehen werden, sondern als wahre Hut-Experten, die Produktqualität, Service und Beratung kombinieren – und wir verkaufen nicht ‘um jeden Preis’, wenn etwas nicht für den Kunden geeignet ist. Strategisch streben wir danach, unsere europäischen Märkte zu stabilisieren und selektiv in weitere Überseeregionen zu expandieren. Gleichzeitig werden Trends wie die steigende Nachfrage nach UV-Schutz – angetrieben durch den Klimawandel und das Gesundheitsbewusstsein – immer wichtiger. Menschen bleiben zentral für unseren Erfolg: Deshalb berichtet HR direkt an mich, und wir haben unseren Rekrutierungsprozess umgekehrt, indem wir uns aktiv Bewerbern präsentieren, damit sie eine bewusste Wahl treffen können. Persönlich bleibe ich nahe am täglichen Betrieb, verbringe Zeit in den Geschäften und mit den Teams vor Ort, denn Strategie muss in der Praxis funktionieren. Langfristig wollen wir auch eine Gemeinschaft von Kopfbedeckungs-Enthusiasten aufbauen, die sich mit unserer Marke identifizieren. Ich bin motiviert, gemeinsam mit unseren Mitarbeitern etwas Sinnvolles und Beständiges zu gestalten.