„Wohnen ist ein grundlegendes Menschenrecht“
Interview mit Jürgen Kastner, Geschäftsführer der Gewog Wohnungsbau- und Wohnungsfürsorgegesellschaft der Stadt Bayreuth mbH
Mit Klimaneutralität ganz oben auf der EU-Agenda und zunehmend knapper werdendem bezahlbaren Wohnraum finden sich kommunale Wohnungsunternehmen in einer komplexen Landschaft wieder, die durch politische Mandate, wirtschaftliche Zwänge und ökologische Verantwortlichkeiten geprägt ist. Für Gewog, den öffentlichen Wohnungsanbieter in Bayreuth, Deutschland, ist dieser Balanceakt Teil des täglichen Betriebs. Jetzt im 75. Jahr treibt das Unternehmen umfassende Renovierungsstrategien, nachhaltigen Neubau und eine klare, pragmatische Stimme in der breiteren politischen Debatte über Energie, Wohnen und soziale Gerechtigkeit voran.
European Business: Herr Kastner, wie hat sich Gewog im Laufe der Jahrzehnte entwickelt und welche Rolle spielt es heute?
Jürgen Kastner: Gewog wurde im April 1949, während des Wiederaufbaus nach dem Krieg in Deutschland, gegründet. Wohnraum war damals das Schlüsselthema – genauso wie es heute der Fall ist. Als städtisches Wohnungsunternehmen ist es unser gesetzlicher Auftrag, der breiten Bevölkerung von Bayreuth angemessenen und bezahlbaren Wohnraum zu bieten. Historisch gesehen konzentrierten wir uns auf die Instandhaltung und Modernisierung unseres Bestands. Mit meiner Ernennung zum Geschäftsführer Anfang 2024, und seit Juli als alleiniger Geschäftsführer, haben wir unseren Fokus geschärft: Gewog auf die sich wandelnden Anforderungen der Klimapolitik auf lokaler, nationaler und EU-Ebene auszurichten.
European Business: Wie sieht Ihr aktuelles Immobilienportfolio aus?
Jürgen Kastner: Wir verwalten rund 4000 Wohneinheiten – hauptsächlich aus den 1950er und 1960er Jahren. Diese Gebäude wurden nicht mit Blick auf Klimaneutralität erbaut. Wir stehen nun vor der großen Herausforderung, sie auf den aktuellen Stand zu bringen. Der durchschnittliche Energieverbrauch dieser Gebäude liegt bei 250 bis 300 kWh pro m2 pro Jahr, aber die EU-Ziele fordern Werte um die 55. Das bedeutet massive Investitionen – und die Finanzierung ist nicht immer ausreichend.
European Business: Wie sehen Sie die aktuellen EU-Klimarichtlinien?
Jürgen Kastner: Die politischen Ziele sind wichtig und richtig. Aber die gewählten Instrumente sind oft zu starr. Zum Beispiel drängen die aktuellen Rahmenbedingungen uns fast ausschließlich zur Elektrifizierung: Wärmepumpen, Photovoltaikanlagen, intelligente Steuerungen. Das klingt auf dem Papier gut, aber in Deutschland haben wir lange, sonnenarme Winter. Ohne stabile, erschwingliche Elektrizität riskieren wir eine zweite Miete: Die Energiekosten könnten bald höher sein als das, was die Menschen für Wohnen selbst zahlen. Wir brauchen mehr technologische Vielfalt und pragmatisches Denken in der Politikgestaltung – sonst riskieren wir, unsere eigenen Ziele zu untergraben.
European Business: Warum vermeiden Sie nach Möglichkeit weiterhin Subventionen?
Jürgen Kastner: Weil die Bedingungen, die an sie geknüpft sind, zunehmend restriktiv sind und oft den Punkt verfehlen. Ein Großteil des Subventionssystems basiert auf sogenannten Energieeffizienzklassen. Aber was wirklich zählt, ist der CO2-Ausstoß eines Gebäudes – nicht das Label auf dem Papier. Ein klügeres Fördersystem würde tatsächliche Emissionsreduktionen belohnen. Zum Beispiel: Wenn ein Gebäude 20 Tonnen CO2 pro Jahr ausstößt, erhalten Sie 100 EUR pro Tonne. Reduzieren Sie es auf 10 Tonnen, erhalten Sie 200 EUR. Das schafft Anreize, die funktionieren – und Unternehmen wie unseres mehr Flexibilität geben, wie wir unsere Ziele erreichen.
European Business: In einer herausfordernden Umgebung, auf welche Werte verlassen Sie sich am meisten?
Jürgen Kastner: Vor allem auf Bezahlbarkeit und Verantwortung. Wohnen ist kein Luxus – es ist ein Grundrecht. Unsere Aufgabe ist es sicherzustellen, dass Menschen nicht nur eine Wohnung finden, sondern sich diese auch langfristig leisten können. Das erfordert langfristiges Denken, finanzielle Umsicht und einen starken ethischen Kompass. Wir setzen auch auf Transparenz. Zum Beispiel nutzen wir jetzt soziale Medien und einen Mieter-Newsletter, um unsere Arbeit zu kommunizieren und den Wert, den wir schaffen, zu zeigen – nicht für Marketingzwecke, sondern um Vertrauen und Beteiligung zu fördern.
European Business: Wie reagieren Sie auf den Fachkräftemangel?
Jürgen Kastner: Wir betreiben eine eigene interne Handwerksabteilung mit 15 Facharbeitern – Elektrikern, Klempnern, Zimmerleuten –, was uns enorme Flexibilität gibt. Wenn im Winter eine Heizung ausfällt, wollen wir nicht zwei Wochen auf einen externen Dienstleister warten. Insgesamt beschäftigen wir 54 Personen in der Verwaltung, im technischen Dienst, in der Instandhaltung und in der Buchhaltung. Es ist eine schlanke, aber effektive Struktur.
European Business: Was würden Sie sich von den politischen Entscheidungsträgern für die Zukunft wünschen?
Jürgen Kastner: Stabilität und Realismus. Allein im Jahr 2025 änderte die nationale Entwicklungsbank KfW über 30 Mal ihre Finanzierungsbedingungen. Das macht langfristige Planungen fast unmöglich. Wir benötigen Richtlinien, die tatsächliche Ergebnisse belohnen – insbesondere bei Emissionen – und den Entwicklern die Wahl lassen, wie sie diese Ziele erreichen. Vor allem dürfen wir nicht vergessen, dass Wohnen eine Säule der sozialen Stabilität ist. Jeder sollte Zugang zu einem sicheren, würdigen und bezahlbaren Zuhause haben. Das ist kein Privileg – es ist eine öffentliche Verantwortung.
European Business: Blick in die Zukunft – was gibt Ihnen trotz der Herausforderungen Zuversicht?
Jürgen Kastner: Unsere langjährige Erfahrung, eine klare soziale Mission und das Wissen, dass Wohnen mehr ist als nur ein Markt – es ist das Fundament einer stabilen Gesellschaft. Das gibt uns Kraft und Orientierung, auch in turbulenten Zeiten.