Stahlformung mit Expertise

Interview mit Federico Galperti, Geschäftsführer der Rubiera Special Steel S.p.A.

Federico Galperti, Geschäftsführer der Rubiera Special Steel S.p.A.
Federico Galperti, Geschäftsführer der Rubiera Special Steel S.p.A.

Stahl bleibt einer der grundlegenden Bausteine der modernen Industrie, doch seine Produktion wird zunehmend komplexer. Gleichzeitig ist der Sektor weit davon entfernt, ein Commodity-Geschäft zu sein: In hochspezialisierten Segmenten hängt der Erfolg von Präzision, Zuverlässigkeit und enger Zusammenarbeit mit Kunden ab. Zwischen volatilen Märkten, steigenden Energiekosten und wachsenden Nachhaltigkeitsanforderungen müssen Hersteller eine sorgfältige Balance zwischen Effizienz und Innovation finden. Rubiera Special Steel S.p.A., mit Hauptsitz in Casalgrande, Italien, hat sich genau in diesem Bereich positioniert und konzentriert sich auf hochwertige Spezialstähle, eine klare Nischenstrategie und langfristige Kundenbeziehungen.

European Business: Herr Galperti, Rubiera Special Steel hat eine lange Geschichte in der italienischen Stahlindustrie. Wie hat sich das Unternehmen zu dem entwickelt, was es heute ist?

Federico Galperti: Das Unternehmen wurde 1965 gegründet und verfolgte von Anfang an eine klare Idee: Spezialisierung. Anstatt Schmieden zu integrieren, konzentrierten wir uns darauf, Blöcke für Schmiedeunternehmen zu produzieren, was es uns ermöglichte, eine breite Kundenbasis zu bedienen. Im Laufe der Zeit führten wir Schlüsseltechnologien wie das Vakuum-Entgasen ein, sodass wir eine der ersten italienischen Stahlwerke waren, die hochintegre Stähle produzieren konnten. Dieser starke Fokus auf Qualität ist unverändert geblieben und hat unsere Entwicklung geprägt, insbesondere seit dem Eigentümerwechsel im Jahr 2013.

European Business: Was definiert Ihre heutige Position auf dem Markt?

Federico Galperti: Unser Geschäft ist sehr technisch, daher sind Beziehungen essenziell. Wir arbeiten hauptsächlich mit Schmiedeunternehmen in ganz Europa zusammen und liefern Materialien für Sektoren wie Energie, Öl und Gas oder Maschinenbau. Etwa 80 bis 85% unseres Umsatzes werden immer noch in Italien erzielt, aber unsere Kunden sind international aktiv. Was uns wirklich unterscheidet, ist unsere Flexibilität und Reaktionsfähigkeit. Kunden verlassen sich auf uns, weil sie wissen, dass wir schnell und zuverlässig reagieren.

Produktionsstandort von Rubiera Special Steel in Casalgrande, Italien, mit integrierten Stahlwerken
Produktionsstandort von Rubiera Special Steel in Casalgrande, Italien, mit integrierten Stahlwerken

European Business: Viele Unternehmen setzen stark auf Marketing, um zu wachsen. Wie gehen Sie an dieses Thema heran?

Federico Galperti: In dieser Hinsicht verfolgen wir einen eher traditionellen Ansatz. Wachstum wird hauptsächlich durch langfristige Partnerschaften und Empfehlungen angetrieben. In unserer Branche kann man nicht über Nacht Kunden gewinnen. Es gibt Qualifizierungsprozesse, Testphasen und ausführliche technische Diskussionen. Vertrauen aufzubauen dauert seine Zeit, aber einmal etabliert, sind diese Beziehungen in der Regel sehr stabil und langanhaltend.

European Business: Sie haben kürzlich Ihre Produktionskapazitäten erweitert. Was steckt hinter dieser Entscheidung?

Federico Galperti: Im Jahr 2024 haben wir zur Ergänzung und gezielten Erweiterung unseres bestehenden Portfolios ein zweites Produktionswerk in Cividate al Piano bei Bergamo in Norditalien erworben. An diesem neuen Standort konzentrieren wir uns auf nichtrostende Stähle und Nickelbasislegierungen, die für Hochleistungsanwendungen immer wichtiger werden. Außerdem planen wir weitere Investitionen, zum Beispiel in Vakuuminduktionsschmelzen, um hochspezialisierte Materialien in kleineren, flexibleren Chargen zu produzieren. Dies wird es uns ermöglichen, noch genauer auf spezifische Kundenanforderungen einzugehen und unsere Position bei High-End-Anwendungen weiter zu stärken.

Stahlbarren zur Weiterverarbeitung in der Schmiedeindustrie vorbereitet
Stahlbarren zur Weiterverarbeitung in der Schmiedeindustrie vorbereitet

European Business: Wie sehen Sie die Nachhaltigkeit in der Stahlproduktion?

Federico Galperti: Nachhaltigkeit ist ein zentrales Thema für uns und ist ein integraler Bestandteil unserer Strategie geworden. Stahl ist bereits ein hochgradig recycelbares Material, und wir verwenden einen sehr hohen Anteil an recyceltem Input in unseren Prozessen. Gleichzeitig arbeiten wir kontinuierlich daran, den Energieverbrauch, die Emissionen und den Wasserverbrauch in unseren Betrieben zu reduzieren. Wir investieren auch in effizientere Technologien und erforschen Möglichkeiten, den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen. Allerdings können regulatorische Bedingungen diese Projekte manchmal verlangsamen, insbesondere bei großangelegten Installationen. Dennoch sind wir überzeugt, dass Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit Hand in Hand gehen müssen.

European Business: Die letzten Jahre waren von Krisen und Unsicherheiten geprägt. Wie hat dies Ihr Geschäft beeinflusst?

Federico Galperti: Unser Markt ist sehr dynamisch, mit relativ kurzen Bestellzyklen, was bedeutet, dass wir schnell auf Änderungen in Nachfrage und Kosten reagieren müssen. In den letzten Jahren war dies noch wichtiger geworden. Auch in schwierigen Zeiten blieben wir immer in der Nähe unserer Kunden und arbeiteten weiterhin mit ihnen zusammen, anstatt uns zurückzuziehen. Als Herausforderungen auftraten, suchten wir gemeinsam nach Lösungen, sei es durch Anpassungen in Produktion, Preisgestaltung oder Lieferung. Dieser Partnerschaftsansatz ist in unserer Branche entscheidend und hilft, langfristiges Vertrauen aufzubauen, auch in unsicheren Zeiten.

European Business: Was sind Ihre Erwartungen für die Zukunft?

Federico Galperti: Stahl wird für alle Branchen weiterhin unerlässlich bleiben. Die Hauptaufgabe besteht darin, sich an die sich ändernden globalen Bedingungen anzupassen, von der Geopolitik bis zu den Energiekosten. Für uns ist das Ziel klar: Wir wollen unsere Position in Europa stärken und unsere technologischen Fähigkeiten weiterentwickeln. Gleichzeitig muss Europa insgesamt agiler in der Entscheidungsfindung werden. Die Unternehmen sind bereit, sich anzupassen, aber die Rahmenbedingungen müssen dies unterstützen.

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