„Die Energiewende scheitert nicht an mangelndem Willen – sondern am Netz“
Interview mit Thomas Bechtold, Geschäftsführer der Energieversorgung Klettgau-Rheintal GmbH
Die Energiewende wird oft in breiten politischen Erzählungen diskutiert. Thomas Bechtold sieht das anders. Praktischer. Regionaler. Für den Geschäftsführer der Energieversorgung Klettgau-Rheintal GmbH wird die Zukunft der Energie nicht auf politischen Bühnen, sondern in den Stromnetzen unter den Straßen der Region Klettgau entschieden. Ein Gespräch über Realismus, Versorgungssicherheit und warum die Energiebranche heute vor allem eines braucht: Zuverlässigkeit.
European Business: Herr Bechtold, Ihr Werdegang ist nicht der traditionelle Weg in den Energiesektor. Wie hat Ihre Reise Sie zur Energieversorgung Klettgau-Rheintal GmbH geführt?
Thomas Bechtold: Ich habe Jura studiert, aber nie wirklich als Anwalt gearbeitet. Mein beruflicher Weg führte mich schnell in den Bereich Marketing und Vertrieb – zuerst bei Debitel, später bei Samsung Electronics und danach in die Beratung. Ich bin 2012 in die Energiebranche bei badenova eingestiegen. Danach war ich sieben Jahre lang bei einem der größten Energieversorger der Schweiz tätig. Seit Oktober bin ich CEO von EVKR. Es war eine sehr bewusste Entscheidung für mich. Ich wollte in ein regionaleres Umfeld zurückkehren. Ich bin jemand, der wirklich an das Motto 'aus der Region, für die Region' glaubt.
European Business: Was macht EVKR besonders?
Thomas Bechtold: Unsere Struktur ist in Deutschland eigentlich ziemlich einzigartig. Unsere Kunden befinden sich auf deutschem Gebiet, aber unsere gesamte Netzinfrastruktur ist ausschließlich an das schweizerische Stromnetz angeschlossen. Das bedeutet, dass 100% unserer Energieversorgung aus der Schweiz stammt. Das schafft einen interessanten Rahmen – wirtschaftlich nicht immer von Vorteil, um ehrlich zu sein. Dennoch bleibt unser Anspruch sehr klar: faire, transparente und wettbewerbsfähige Preise.
European Business: EVKR wurde durch den Zusammenschluss mehrerer kommunaler Versorgungsunternehmen gegründet. Was war die Idee dahinter?
Thomas Bechtold: Wie viele kommunale Anbieter wollten unsere Gründungsgemeinden Synergien schaffen und Ressourcen bündeln. EVKR wurde vor 15 Jahren gegründet. Vier Gemeinden schlossen sich zusammen, um die Versorgungssicherheit zu stärken, die wirtschaftliche Stabilität zu verbessern und die Infrastruktur gemeinsam effizienter zu entwickeln. In einem liberalisierten Energiemarkt kommt es auf Größe an.
European Business: Was sind heute die größten Herausforderungen für Ihr Unternehmen?
Thomas Bechtold: Zweifellos der Netzausbau. Die Energiewende hat die Anforderungen an die Energieinfrastruktur grundlegend verändert. Früher lag der Schwerpunkt hauptsächlich auf dem Stromverbrauch. Heute haben wir es gleichzeitig mit Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Elektromobilität und Batteriespeicherlösungen zu tun. Infolgedessen stehen unsere Netze vor Anforderungen, die es vor zehn oder 15 Jahren einfach nicht gab. Das ist derzeit der eigentliche Engpass.
European Business: Viele Menschen sprechen über erneuerbare Energien. Sie sprechen viel über Infrastruktur.
Thomas Bechtold: Denn dort liegt die eigentliche Herausforderung. Photovoltaik an sich ist nicht das Problem. Die Frage ist: Wie balancieren wir intelligent Erzeugung und Verbrauch aus? Wenn jemand Solardach, Wallbox, Wärmepumpe und ein Batteriespeichersystem kombiniert, ändert sich das Lastprofil komplett. Unsere Netze müssen dazu in der Lage sein. Der Energiewechsel scheitert nicht an mangelnder Bereitschaft – häufig aber am Netz selbst.
European Business: Wie beurteilen Sie die politischen Rahmenbedingungen?
Thomas Bechtold: Sie sind schwer planbar. Großinvestitionen erfordern Zuverlässigkeit und Beständigkeit. Wenn politische Prioritäten ständig wechseln, wird es kompliziert – besonders für kommunale Unternehmen wie unseres. Hier geht es um große Investitionen. Natürlich wollen Finanzierungspartner und Banken wissen, auf welche langfristige Richtung sie sich einlassen.
European Business: Trotz eines liberalisierten Marktes scheint die Kundenbindung in Ihrer Region bemerkenswert hoch zu sein.
Thomas Bechtold: Glücklicherweise ja. Mehr als 80% unserer Kunden bleiben bei uns. Das hat viel mit regionaler Identität zu tun. Die Menschen kennen uns. Sie wissen, dass wir hier vor Ort sind, Verantwortung übernehmen, statt als irgendein anonymer Anbieter aus der Ferne zu agieren.
European Business: Was sind Ihre persönlichen Ziele als neuer CEO?
Thomas Bechtold: Wir wollen noch sichtbarer als zuverlässiger und kompetenter Partner für alle energiebezogenen Fragen werden. Die Menschen suchen nach Orientierung – ob es um Heizsysteme, Stromtarife oder umfassendere Fragen zur Energiewende geht. Wir wollen diese Expertise aktiver in die Region einbringen. Unser Ziel ist es nicht, der lauteste Akteur im Markt zu sein. Unser Ziel ist es, verlässlich zu sein. Letztendlich ist das es, was in unserer Branche wirklich zählt.